Minimum - Maximum - Der neue Audi Nuvolari
Kurz vor dem Großen Preis von Monaco wurde der Audi Nuvolari im Vorfeld in Antibes vorgestellt – eine auf 499 Stück limitierte, skulpturale Space-Frame-Carbon-Fahrmaschine mit 1.001 PS – angetrieben von einem 4,0-Liter-V8-Biturbo und drei Axialfluss-Elektromotoren. Von 0 auf 100 beschleunigt er in 2,6 s, auf 200 in 6,8 s – Höchstgeschwindigkeit: 351 km/h. Der Verbrennungsmotor stellt ein maximales Drehmoment von 730 Nm bereit und erreicht Drehzahlen von bis zu 10.000 U/min – ein Bereich, der bislang vor allem dem Motorsport vorbehalten war. Trockengewicht unter 1.750 kg. Für Audi ist dies der stärkste je gebaute Sportwagen der Firmengeschichte. Der Name geht auf Tazio Giorgio Nuvolari (1892–1953) zurück, genannt der „Fliegende Mantuaner" – er war ein italienischer Motorrad- und Automobilrennfahrer mit 61 Grand-Prix-Siegen, mit legendärem Mut gesegnet und von Ferdinand Porsche als der größte Rennfahrer aller Zeiten bezeichnet. Er war der charakterstärkste Rennfahrer seiner Zeit. Sein Markenzeichen: Er trug stets einen gelben Pullover.
In 405 Tagen (!) hat Audi das Undenkbare geschafft und in dieser kurzen Zeit einen Supersportwagen auf die Straße gestellt – keine Studie, versteht sich. German Autobahn beats China Speed. Wie geschieht dies im guten alten Deutschland? Das Prinzip der Klarheit, von Massimo Frascella und Gernot Döllner beschworen, greift in die Audi-Strukturen ein. Es wurde ein Ort dafür im Unternehmen – verortet im Design – geschaffen; alles wurde intern neu strukturiert und optimal aufgestellt. Gernot Döllner beschreibt den Prozess als »Highspeed Interaction – Transforming with Speed. Der Nuvolari zeigt, zu was wir fähig sind.«
Vorne dabei: Massimo Frascella – mit Mut, Haltung und messerscharfem Blick; jede Fläche sezierend, treibt er die Designphilosophie voran und destilliert sie. „Jede gestalterische Entscheidung folgt einer klaren Intention. Unsere neue Identität findet ihren Ausdruck im Vertical Frame, der hier erstmals in einem Hybridmodell eingesetzt wird und die funktionale Logik des Fahrzeugs prägt. Klarheit und Kontrolle bestimmen den Innenraum. Alles ist auf das Fahren fokussiert." Kein Tag im Studio vergeht ohne Optimierung – „Geht nicht gibt's nicht." Man kann es besessen nennen, aber am Ende des Tages wird man am Ergebnis gemessen. »Noch nie zuvor saßen wir jeden Tag in Person zusammen, um das Produkt zu optimieren. Wir sind aus dem Studio erst abends raus, wenn wir eine Lösung hatten«, so ein Insider. Der Prozess hat allen Beteiligten – einem international besetzten Entwicklungs- und Designteam aus Youngstern und alten Hasen – alles abverlangt; es wird fürs beste Ergebnis gekämpft. Was alle eint und motiviert: Man wollte, von Leidenschaft für Sportwagen getrieben, das beste Team für dieses Projekt zusammenstellen. Aus 15 Personen, die damit gestartet sind, sind am Ende mehrere Hundert geworden. Die Motivation: Der Nuvolari wird von Tag zu Tag besser. Er altert gut. Auch Gernot Döllner schaut so oft wie möglich vorbei, freut sich und führt die Truppe sicher und motivierend: „Ich mache euch den Weg frei, damit das auf die Straße kommt – der Nuvolari ist jetzt wirklich wichtig für Audi."
Im Gegensatz zu anderen Herstellern geht man in Ingolstadt beharrlich den eingeschlagenen Weg der „radikalen Einfachheit". So sind Stromer und Hybrid – Concept C und Nuvolari – aus dem gleichen Holz geschnitzt; ein Spagat, der funktioniert. Der Nuvolari ist der große Bruder des Concept C. Der Wagen wirkt im Carbonkleid wie aus einem Aluminiumblock gefräst. Kein Schnickschnack, kein Firlefanz, No Bullshit. Stattdessen Design aus der Zentrifuge des neuen, selbstbewussten Ingolstadts – alles an seinem Platz, in höchster Materialqualität: Minimum ist Maximum ist Minimum. Auch technisch ist der neue Audi laut Rouven Mohr, Vorstand für Technische Entwicklung, extrem leistungsfähig. „Der Nuvolari ist der erste Supersportwagen mit High-Performance-Hybridantrieb von Audi und definiert mit seiner Aerodynamik und der Weltneuheit quattro predictive ride neue Maßstäbe.“
Technisch gesehen gibt es hier noch eine lange Liste Innovationen – aber für uns ist der Nuvolari kein typischer Supersportwagen. Er ist vielmehr eine avantgardistische, monolithische Skulptur oder gar fahrende Architektur: Die großzügigen Flächen, die Grafik und selbst die Fugen bilden das Gesamtbild der Gestaltung. Die Verarbeitung und die Farben – wie die Kommunikationsfarbe Titanium, auch in der Formel 1 eingesetzt – werden mit größter Sorgfalt behandelt: Hier wird eloxiert, gebürstetes Aluminium verwendet und aus dem Vollen gefräst – eine Ode an die Fertigungskunst. Im Concept C zitierten wir für das Interieur Giorgio Armani und Jil Sander im Zen-Garten – der Nuvolari geht noch weiter. Eine moderne, minimalistische, geometrische Sitzlandschaft in Shadow Dune – »Die Rückseite der Dünen«, welch schönes Zitat und Muted Black erwartet den Fahrer. Innen ist alles konsequent auf das Fahren ausgelegt – die Dimensionierung und der Einklang der Materialien wirken perfekt. Es herrscht eine Klarheit, wie man sie in Zeiten von immer bedeutungsloser und beliebiger werdenden Digital-Exzessen nur selten findet – Haptik, Einrasten, Klicken. Beim Umdrehen des Zündschlüssels ist dann auch alles gesagt … V8, 10.000 rpm …
Das Spannendste ist: Für wen ist der Audi Nuvolari? Die Zeiten der Nürburgring-Rekorde sind vielleicht bald vorbei – viele Hersteller haben 1.000 PS im Programm, alle sind mittlerweile schnell unterwegs. So what's next? Dieses Auto hat sich in der Sportwagenmatrix aus unserer Sicht ein komplett neues Feld erschlossen. Es ist ein ganzheitliches Objekt – eine Verkörperung von technischer Sinnlichkeit, die in der deutschen Designgeschichte ihren Ursprung hat. Es ist hier völlig einzigartig „geschneidert" – wie einst der Lamborghini Countach LP 400 aus der Feder von Marcello Gandini. Er ist für die Afficionados unter den Sportwagensammlern, er ist ein hochperformanter Gentleman's Racer – für Kunden, die sich neben Technik und Speed vor allem für Kunst, Architektur und Designgeschichte interessieren. Er ist nicht nur ein neues Kind unserer Kultur – unserem höchsten Gut –, er zeigt ein neues deutsches Selbstbewusstsein. Mit dem Nuvolari wird Audi den Platz des Avantgardisten einnehmen …
(C) Text, Pictures: Stefan Bogner


















