20 Jahre lang hat Michael Mauer als Head of Style das Design von Porsche geprägt, das automobile Erbe mit viel Feingefühl weiter entwickelt und immer wieder neue Möglichkeitsräume eröffnet. Dabei stellte der einflussreichste Autodesigner der Republik, der im Nebenjob auch die Formensprache des Volkswagen-Imperiums verantwortete, sich nie selbst in den Vordergrund – lieber ließ er die Entwürfe für sich sprechen. Eine Danksagung zum Abschied von Stefan Bogner und Jan Baedeker.
Als Michael Mauer 2004 die Leitung des Style-Studios von Porsche übernahm, war er erst der vierter Designchef in der Geschichte der Marke – nach Ferdinand Alexander Porsche, Anatol Lapine und Harm Lagaay. Nach vielen Jahren, in denen er die Formensprache von Mercedes-Benz, Smart und Saab vorangebracht hatte, stand ihm nun bei Porsche seine anspruchsvollste Aufgabe bevor: die große Ikone 911 neu zu interpretieren, ein neues Markendesign zu entwickeln und die Modellpalette in Richtung Elektromobilität zu führen. "Kontinuität ist bei Porsche ein wichtiger Aspekt der Unternehmensphilosophie", sagte uns Michael einmal im Gespräch. "Als Luxusmarke lebt Porsche davon, Dinge nicht ständig neu zu erfinden, sondern Gutes kontinuierlich weiterzuentwickeln. Konsistenz ist Teil einer starken Markenidentität." Auch persönlich schien es zwischen dem Schwäbischen Traditionsunternehmen Porsche und dem Designer mit Schwarzwälder Wurzeln von Anfang an gepasst zu haben – Michael lacht: "Sonst hätten mir Dr. Wolfgang Porsche oder Ferdinand Piëch zu Beginn meiner Arbeit schnell wieder den Stecker gezogen".
Unter seiner Leitung wurde die ikonische Silhouette des 911 behutsam modernisiert, während zugleich die unverwechselbare Design-DNA von Porsche erfolgreich auf neue Modellreihen übertragen wurde: Der Panamera trug genauso Mauers Handschrift – die sich in Zeiten rasiermesserscharfer Kanten und prahlerischer Ornamente vor allem durch ihre unaufgeregte, organische Eleganz auszeichnete – wie der Macan. Dass Porsche noch immer ein Familienunternehmen ist, verlieh der Aufgabe eine ganz eigene Dimension: "Es ist natürlich eine besondere Situation, einem Aufsichtsratsvorsitzenden, der den Namen Porsche trägt, in einer Präsentation zu erklären, warum man davon überzeugt ist, dass ein neues Modell trotz größerer visueller Veränderungen noch immer ein echter Porsche ist", sagt Michael. "Daran musste auch ich mich erst einmal gewöhnen. Gleichzeitig wird in Familiendynastien langfristig gedacht, man folgt nicht jeder Mode. Das spiegelt sich auch in den Werten, der evolutionären Designkultur von Porsche wider – und stützt letztendlich gutes, zeitloses Design."
Bei unserer Arbeit an "Porsche Unseen", das wir in den geheimen Entwicklungsstudios in Weissach gemeinsam entwickeln durften, lernten wir Michael nicht nur als einen großen, in Gestaltungsfragen durchaus streitbaren Designer mit klarer ästhetischer Linie kennen – sondern auch als eloquenten Rhetoriker und Vordenker mit philosophischer Klarsicht auf die ganz großen unternehmerischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge. Dass er trotz dieser Fähigkeit, die Marke Porsche in ihrer Gesamtheit zu erfassen, zu ehren und gleichzeitig neu zu erfinden, nicht zu Überheblichkeit neigte, sondern vielmehr zu einer zutiefst sympatischen Bodenständigkeit, machte ihn zu einem der angenehmsten Gesprächspartner in der automobilen Welt. Und dass er seine wenigen freien Stunden nicht beim "Schulternreiben" mit der Automobil- und Designelite verbrachte, sondern viel lieber alleine auf Tourenski die Bergwelten seiner Schweizer Wahlheimat erkundete, spricht für sich.
Als Designchef ist es Michael Mauer gelungen, die Arbeitsprozesse des Studios zu professionalisieren, digitalisieren und effizienter zu gestalten, die Designqualität merklich zu erhöhen und auch der Zukunftsforschung ihre Möglichkeitsräume zu bieten, in denen neue, experimentelle Ideen erkundet und zurück in die Serienproduktion getragen werden konnten. Dabei verstand er Design nicht als bloßes "Aufhübschen" der technischen Entwürfe seiner Ingenieurskollegen, sondern vielmehr als ganzheitliche Disziplin: "Ich setzte mich dafür ein, die Designabteilung schon von Anfang an in die Konzeption neuer Produkte einzubeziehen", verriet uns Michael einmal im Gespräch. "Gleichzeitig haben Designer einen ganzheitlichen Blick auf die Dinge: Sie definieren mit ihrer Arbeit die Markenidentität – und sind deshalb auch strategisch von großer Bedeutung für die Weiterentwicklung der Customer Experience." Die Designprinzipien und Markenwerte, die bei Porsche mit Blick auf die Historie definiert wurden, könnten somit auch anderen Bereichen im Unternehmen Orientierung bieten. "Gerade wenn es darum geht, neue Wege zu gehen. Sie leiten uns in die richtige Richtung wie ein Kompass – aber begrenzen unsere Bewegungsfreiheit nicht wie ein Navigationssystem, das aufgrund von Berechnungen den genauen Streckenverlauf vorgibt."
Weissach als Silicon Valley der Automobilindustrie, das war Michael Mauers Vision. Als Herr über tausende kreative Designer ist es ihm zudem immer wieder gelungen, sich selbst zurück zu nehmen und die wirklich guten Ideen seiner Teams herauszufiltern. Manchmal waren es auch Zufälle und Mißverständnisse, die zu den besten Ergebnissen führten – Umstände, die der Designchef bereitwillig zugab. Besonders stolz war Michael Mauer übrigens auf den Taycan, den ersten Macan und den Porsche 911 der Generation 991. Mit dem Porsche 918 Spyder und dem Mission X hat er der Porsche-Geschichte gleich zwei bahnbrechende Supersportwagen mit ganz eigenem Charakter geschenkt.
Gleichzeitig schlug sein Herz immer für die besonders puristischen und leichten Modelle – den 900 Kilo leichten Porsche 904 Living Legend mit seinem Ein-Liter-Motor oder den von James Deans «Little Bastard» und dem Porsche 550-1500 RS Spyder inspirierte Porsche Vision 551 Spyder hätte sich Michael Mauer sicherlich gerne in die Garage gestellt. Doch verfolgte er mit Beharrlichkeit auch neue, ungewohnte Ideen, die im Konzern erst einmal auf Ablehnung stießen: Als die Van-Vision "Renndienst" im Jahr 2018 entstand, wirkte das sportliche Raumwunder mit seiner modularen Reisekabine auf viele Traditionalisten wie ein Fiebertraum. Heute wirkt der extravagante Bus für die Marke Porsche wie der logische Nächste Schritt.
Als vierter Designchef in der Geschichte von Porsche hat Michael Mauer das Unternehmen und seine Produkte in einer wichtigen Epoche entscheidend geprägt und die Erfolgsgeschichte mitgeschrieben. Ab Februar tritt nun Tobias Sühlmann seine Nachfolge an. "Zeitloses Design braucht Kontinuität, aber auch frische Impulse", sagt Michael Mauer. "Nun ist der richtige Moment für neue Perspektiven." Doch kann ein umtriebiger Gestalter und automobiler Visionär wie Michael Mauer nach zwei Jahrzehnten an der Spitze von Porsche und Volkswagen überhaupt den Zeichenstift fallen lassen und in Rente gehen? So wie wir Michael kennen, wird er seinen verdienten Ruhestand nicht auf der Ofenbank verbringen, sondern die visuelle Welt weiterhin mit seinen Ideen prägen. Und nebenbei mit seinen Tourenski ein paar perfekte Linien in den Schweizer Pulverschnee zeichnen oder mit seinen Porsche die Welt unsicher machen. Grazie für die grossartigen Stunden mit dir - Michael!











