Etwa eine Autostunde vom Zentrum Tokios entfernt betreibt Akira Nakai-San seine Werkstatt, die mittlerweile zu Weltruhm gelangt ist – seine Umbauten sind höchst polarisierend diskutiert. Seine Vorliebe für schnelle Autos hat er schon in jungen Jahren auf den Straßen und Rennstrecken im Hinterland Tokios ausgelebt. Als 'Drifter' in der 'Rough World Drift Crew' war er in der Szene kein Unbekannter und seinen Toyota AE86 hat er nicht nur getunt sondern auch einen knackigen Rennlook verpasst. Anfang der Neunziger Jahre, mit 28 Jahren, erfüllte er sich dann seinen Traum und kauft einen Porsche 930, den er gleich modifiziert. Der schwarze „Stella Artois“ – nach seiner Lieblingsbiermarke benannt – war der Auftakt seiner Karriere.

  • Anhänger seines Stils lieben ihn, weil seine Bodykits überhöht und roh wirken, kompromisslos im Namen der Geschwindigkeit gestaltet. Coolness durch Racelook. Insbesondere seine extremen Wide-Body-Race-Kits sind an rennerprobte Touren- und Langstrecken Porsche-Karosserien angelehnt, die dem solventen Privatracer beim Clubrennen auf der Hausstrecke nicht nur einen Aerodynamik-Vorteil, sondern auch den Eye-Catcher-Bonus bescheren sollen. Vor etwa 15 Jahren begann er Kunden-Porsches zu 'customizen'. Weil er Deutschland und deutsche Autos schon immer gut fand, hat er recht frei seinen damaligen Namen eingedeutscht und firmiert seither unter 'Rauh Welt Begriff'. Er mache sich nicht viel Gedanken, meint er in unserem Gespräch, sondern tut einfach, worauf er Lust hat und was er cool findet. Inzwischen korrigierte er auch den früheren Zusatz 'Sekund Entwicklung' in 'Zweite Entwicklung', sägt und schraubt aber immer noch in seiner kleinen Werkstatt, die mit allerlei Memorabilia (Billard-Tisch, leere Bierflaschen und amerikanischer Schnickschnack) dekoriert ist. Seit ein paar Jahren hat er einen Manager, der sich nicht nur um Pressetermine kümmert, sondern mit dem er zusammen ein Dutzend Standorte auf der ganzen Welt verteilt, aufgebaut hat. Dies sind meistens lokale Werkstätten oder Tuner, die RWB-Kits in Zusammenarbeit mit Nakai-San vertreiben. Interessiert sich ein neuer Kunde für einen Umbau, versucht Kette rauchender Nakai-San im Vorab-Gespräch über dessen Wüsche ein eventuelles Projekt und Einzelteile zu definieren. In einem $ 22.000,– RWB-Kit sind standardmäßig Front- und Heckstoßstangen, vier Kotflügel-Verbreiterungen, ein Paar Seitenschweller, ein GT-2 oder 3.8 RS-Heckspoiler sowie Kleinteile enthalten. Nach erfolgter Bestellung werden die GfK-Teile von seinen japanischen Zulieferern gefertigt, anschließend in die Niederlassungswerkstatt des Kunden verschifft, von diesen Partnern in Wunschfarbe lackiert, und danach ausschließlich von Nakai-San himself vor Ort verbaut: „Ich fliege hin, mit meinem Werkzeug im Gepäck, und in zwei bis drei Tagen Arbeit ist der Wagen fertig“. Dabei arbeitet er meist bis spät nachts, denn „mit Kaffee und Zigaretten kommen die besten Ideen für neue Umbauten“ – grinst er. In den letzten Jahren hat der damit bis zu 60 Fahrzeuge p.a. umgebaut, jettet von einem Land auf den nächsten Kontinent. Neben seinen Race-Umbau-Kits bietet er auch 'Narrow-Body'-Straßenversionen an, allesamt für 930, 964 und 993 Modelle und vertreibt optional Federbeinsyteme des japanischen Herstellers Aragosta, XXXXL-Champion-Heckspoiler, SSR-Felgen und Reifen bis zu 335er Breite. „Etwa $ 40.000,– muss ein Kunde letztendlich bereit sein zu zahlen, um einen ausgewachsenen Rauh Welt Porsche sein Eigen zu nennen – nur Umbaukosten, versteht sich." In Deutschland sei es aber mit Hilfe eines netten TÜV-Prüfers dennoch schon möglich gewesen, eine Betriebszerlaubnis – zumindest für die schlankeren 'Narrow-Body-Kits' – zu erhalten.

  • Es ist die Art und Weise, wie scheinbar unbedacht der Japaner an die Zuffenhausener Kotflügel mit seiner Stichsäge rangeht, die eingefleischte Porschefans weltweit polarisiert. Den Begriff des 'Wertes' scheinen gerade wir Deutsche mit besonderer Bedeutung zu sehen, da bei diesem Wort naturgemäß auch der damit verbundene Aufwand der eigentlichen Herstellung, ein Wiederverkaufswert, eine indirekt einhergehende Sicherheit (sprich Geldwert) verbunden ist. Oft werden dabei aber die Rahmenbedingungen vergessen, nach welchen Kriterien der 'Wert' einer Sache oder auch einer Leistung bemessen wurde. Durch die Brille des begrenzten Gutes betrachtet – was bei mittlerweile bis zu 40 Jahren alten Porsches 930 durchaus vertretbar ist – blutet einem das Herz, wenn man vor seiner Garagenwerkstatt einen ohnehin zeitlos feinen Sportwagen mit abgesägten Kotflügeln abgestellt sieht. Als wären dem einstigen Überflieger die Flügel gestutzt worden, der auf seine Prothesen wartet. Zwar sind diese breiter und schöner und vor allem cooler, aber eben nur aus Plastik und mit Blechschrauben an die verbliebenen Stummel angeschraubt. Wird hingegen eine Weitsichtbrille mit Rundumblick zur Wert-Bestimmung eines RWB-Porsches aufgesetzt, kommen einige weitere Bemessungsgrundlagen ins Ermessens-Blickfeld. Diese sind dann zwar noch spezieller, weil die Nische der Befürworter noch kleiner ist als die der Originalheimer. Schwerlich messbare Einheiten, wie Coolness, Exklusivität und Marke(n-Wert) sind wohl die wichtigsten Faktoren in dieser eher jungen Nischen-Rand-Gruppe, die sich und ihren RWB mit lustigem Namen am Schweller in Social Media, Magazine und Lieblings-Cafés präsentieren und damit ihren eigenen Wert aufpolieren. Jedem das Seine.

  • Man könnte sagen, der Erfolg gibt ihm Recht. Schließlich hat jedes Land und jeder Kontinent nun mal seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. Deutschland und Japan sind sich zwar in vielen Bereichen sehr ähnlich, was zum Beispiel die Zentral-Tugenden Genauigkeit und Pünktlichkeit betrifft. Viel stärker ausgeprägt ist in Japan allerdings eine Konformität der Allgemeinbevölkerung und ein Gemeinsinn, sowie das Funktionieren in der Gesellschaft. Als europäischer Besucher ist man abseits der Business-Hochhäuser und ihren Angestellten von der ausgeprägten Vielfalt verschiedenster Subkulturen dann umso mehr fasziniert, die oftmals nur im Verborgenem aber immer in einer enormen Ausgeprägtheit gelebt werden. Wer sich einmal aus dem System wagt, dem scheint ein Zurück in konservatives Umfeld schier aussichtslos verschlossen. Vielleicht ist dies ein Grund, dass sich gerade im kreativen und alternativen Umfeld sehr viele global Ton angebende Charaktere in Mode, Design, Handwerk oder eben Auto- und Motorrad-Customizing mit ihrer Detailversessenheit oder eben wie Nakai-San mit überhöhten visueller Form, einen Namen gemacht haben. Ihm sei es völlig egal, was die Mehrheit in Internet-Foren über ihn schreibt – auch wenn nur einer dabei ist, dem seine Kreationen gefallen, ist das Bestätigung genug, sagt er. „ Ich denke auch nicht an das was war oder was die Zukunft bringen wird. Ich lebe heute und tue das, was ich im Moment am Wichtigsten finde und mir Spaß macht. Porsche sind eben meine Lieblingsautos.“ Er hat scheinbar keinen Plan für die Zukunft, sagt er zumindest. Solange Kunden seine Arbeit schätzen und bei ihm kaufen, macht er das genau so weiter. Das Rauchen gibt er ja schließlich auch nicht nur so auf, schmunzelt er.

  • (c) Hermann Köpf