Das Grinsen hörte gar nicht mehr auf. Wir strahlten und strahlten. Und jedes Mal, wenn man uns als Kinder in die Luft geschleudert hat, um für einen kurzen Moment über den elterlichen Köpfen zu schweben und um uns kurz später wieder in sichere und glückliche Arme zu schließen, waren wir noch erfüllter. Schwerelosigkeit, Leichtigkeit, frei von irdischen Kräften waren wir. Newton’sche Gravitationsgesetze hatten wir sicher nicht im Kopf. Auch nicht die Frage, warum der Apfel vom Baum fällt oder weswegen der Mond seine Umlaufbahn hält. Wir waren einfach nur gefühlt masselos, an jenem Umkehrpunkt dort oben und auf unserem von Mama oder Papa kontrollierten Weg dorthin und zurück.

  • Vielleicht fasziniert es uns deshalb heute noch so sehr, wenn wir die harte Physik der Haftreibung sanft kontrolliert außer Gefecht setzen – und vom Kopf in den Gasfuß bis in die erogenen Zonen ein „Killing me softly“ tönt. Wenn wir auf winterlichem Geläuf bei ohnehin niedrigen µ-Werten mittels Dreh- oder Schleppmoment von der Haft- in die Gleitreibung übergehen und den Begleiter unter unserem Hintern zum ästhetisch kunstvollen Quergang auffordern. Dann quietscht kein Reifen, dann raucht kein Gummi, dann ist selbst Abrieb kaum messbar. Auf Schnee und Eis spielen wir Primaballerina, sind leicht wie ein Schneeflöckchen, das durch den arktischen Winter schwebt.

    Das gefällt. Das erinnert an früher und gleicht dem, was Astronauten nach ihrer Rückkehr aus der Schwerelosigkeit berichten: einem andauernden Glücksgefühl. Für uns Nicht-Raumfahrer vermögen dies sonst nur noch Parabelflüge gleichermaßen zu erzeugen. Oder eben der Drift auf Eis. Egal ob angependelt, mit Gas, Bremse oder Motorschleppmoment eingeleitet, ob klassisch mit Heckantrieb am Gegenanschlag der Lenkung und mit feinem Gasfuß balanciert oder im Allradgetrieben via moderater Lenkwinkel und beherztem „Gegengas“ in absurden (teils negativen) Driftwinkeln die Radien nachmalend – es sind diese Momente, die urkindliche Freude bereiten und einen süchtig machenden Hormoncocktail durch unseren Körper jagen.

    Über Beethovens oder Schillers Verhältnis zur Physik ist wenig überliefert, aber hätten sie dies selbst im Drift erlebt wie wir, wären auch andere Zeilen denkbar gewesen: „Freude schöner Schräglaufwinkel, Tochter aus Elysium.“

  • Text: Francesco Pyloni, Fotos. Stefan Bogner