So richtig ernst scheint selbst das Südtiroler Landesamt für Mobilität die aktuelle Sperrung des Sellajochs für den Verkehr nicht zu nehmen: Mittwochs im Juli und August, von 9:00 bis 16:00 Uhr ist das Joch für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor geschlossen - das klingt doch sehr nach „Duschen Ja, aber Bitteschön nicht Nass werden“. Man kann die seltsam experimentell wirkende Maßnahme ja auch einmal anders sehen: Das Sellajaoch ist im Sommer offen, nur Mittwochs wird für sieben Stunden zugesperrt. Für Wartungsmassnahmen oder so. Frühmorgens und ab dem Nachmittag darf nach wie vor kräftig angegast werden, Sella-Freunde kommen in Zukunft also entweder morgens, abends oder Donnerstags, das lässt sich schon irgendwie planen. Und noch ein Beispiel, das die Sperrung deutlich relativiert: Die Nürburgring-Nordschleife hat deutlich öfter zu als das Sellajoch…

Wo Umweltschützer und Politik hier also ein mit Nachdruck gesetztes Fanal für den Umweltschutz sehen, bleibt ebenso fragwürdig wie das haareraufende Schäumen der anrainenden Tourismus-Profis, die heulend und zähneklappernd den Pleitegeier-Blues anstimmen.

Betrachten wir die Angelegenheit also ganz Eigeninteresse- und Ideologie-befreit als das was sie ist: Der Versuch in einem vom Verkehr gewürgten Raum mal etwas auszutesten. Eigentlich sinnfrei, auf den ersten Blick ungemein zaghaft - aber als beinahe rührend hilflose Aktion trotzdem sehr nachdenklich machend. Was ist da los, in den Alpen? Weshalb wird so ein Alibi-Aktionismus wahlweise als Großtat des Umweltschutzes oder fatale Bedrohung des Alpen-Tourismus gewertet?

Wer von CURVES nun erwartet, dass wir uns sofort auf die Seite der Sperrungs-Gegner schlagen, dürfte enttäuscht werden: In den Alpen stimmt unserer Meinung nach an manchen Pässen, auf manchen Strecken, tatsächlich etwas nicht und es ist höchste Zeit diese Missstände auszuräumen. Die schönsten Strecken der Alpen ersticken im Verkehr, wenn sich Reisebusse und Wohnmobile, Rennradfreunde, Motorrad-Trupps oder Sportwagen-Gangs um ein paar freie Meter oder Parkplätze an Panorama-Ecken prügeln, macht das allen keinen Spaß mehr. Irgendwer ist hier zuviel. Selbstverständlich erdreisten wir uns nicht das Bedürfnis nach „soulful driving“, sinnlichem Kurven-Fahren mit Freude an Ideallinie und Fahrphysik, über das Bedürfnis asiatischer Reisebus-Touristen nach dem perfekten Selfiestick-Panorama-Motiv zu stellen. Es gibt kein Mindesttempo, keinen sportlichen Mindest-Ehrgeiz, wer der Meinung ist sich im dieselrussend-asthmatischen 70er-Jahre-Camper als Wanderdüne auf die Passhöhe quälen zu müssen, darf das ganz bestimmt ebenso wie sich Reinhold Messner auf Yeti-Jagd seinen Phantasien vom Primat des Alpinisten ohne Sauerstoffflasche hingeben kann. Die Alpen gehören allen.

Daraus nun aber ein Recht auf ungesperrte Straßen abzuleiten, ist ein Denkfehler. Dort oben ist zu viel los. Punkt. Wir von CURVES mögen das Fahren in den Alpen (und die Alpen ganz ohne das Fahren) zu sehr, um wie beleidigte Kinder an der Sellajoch-Schranke zu kratzen. Die Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität mancher Gastwirte und Hoteliers sowie vieler Alpen-Fans, finden wir überaus unklug. Wir ziehen gerne mal den Zündschlüssel ab, weil uns die Alpen und das Fahren tatsächlich etwas bedeuten. Für uns ist das kein tumber Konsum, keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg.

Weshalb gibt es also am Sellajoch (und wo auch immer notwendig) statt willkürlicher und nachvollziehbarer Streckensperrungen nicht einfach einen Eintritt? Denn machen wir uns nichts vor: Das sind nicht einfach A-nach-B-Straßen, sondern Ereignisse. Pure Schönheit. Die sollte es nicht umsonst geben. Schauen wir doch zu den Kollegen nach Österreich (Grossglockner) oder zu den Nationalparks in Amerika.