Hoch im Norden, kurz vor der Ostholsteinischen Grenze zu Dänemark, montiert ein Mediziner in seiner Freizeit leidenschaftlich Fahrzeuge zu hochbeinigen Rallye-Vehikeln um. Nicht nur weil der Tidenhub an der Ostsee durchschnittlich 10-20 Zentimeter beträgt, sondern weil die Gezeiten von Dr. Erik Brandenburg Sturm und Drang folgen. Diesmal hat er es mit drei historischen Käfern getan.

  • Der beißende Wind, der über die Ostsee fegt, fönt uns unaufhörlich. Er lehrt uns eiskalte Realität, in dieser fast schon spielzeughaft anmutenden Landschaft. Die drei Käfer, die vor uns fahren, scheinen jedenfalls fast zum Maßstab 1:24 geschrumpft. Die Fahrzeuge heften sich an die steilen Hänge von Ostholstein und schrauben sich förmlich an ihnen in die Höhe. Doch von Spielzeugen kann nicht die Rede sein, es sind eher Werkzeuge. Werkzeuge eines Rallye-Fans, der schon mit luftgekühlten Porsche 911die klassische und weitaus gefährlichere Route der Rallye Paris-Dakar (das »Africa Eco Race«) bestritt, die schwierige »Transsyberia« absolvierte und fast alle teilnehmenden Cayennes mit seinem 911-Safari auf die hinteren Plätze verwies – ohne Allradantrieb. Jetzt muss Wolfsburger Material herhalten. Genauer: zwei Brezelkäfer und ein Ovali. Die berühmte »Panamericana« könnte etwa ein Ziel sein, verrät uns der Doc.

  • »Die Leichtigkeit der Fahrzeuge ist der alles entscheidende Vorteil im Trial«, schwärmt der Hanseat. Das Wolfsburger Trio hat ein Gewicht von 710 bis maximal 730 kg und alle drei stehen auf Stollenreifen. Bei der anfänglichen Blecharbeit half ein alter Freund der Familie: Gunter Wilken, ehemaliger Blechschlosser des VW-Werks in Poppenbüttel. Wilken widmete sich zum Schluss seiner Werkstätigkeit den VW Schwimm- und Militärfahrzeugen, besitzt Expertise wie kaum ein anderer. Der Ex-VW-Mann trennte die Käfer-Karossen von ihren Chassis und verpasste ihnen die Fahrgestelle dreier Kübelwagen Typ 181 aus dem Baujahr 1969. Das eine passte aufs andere und wurde zusammengesteckt. Haben wir es doch mit Modellbau zu tun? Zur Erhöhung des Rampenwinkels verschweißte Wilken zusätzliches Blech und bockte die Käfer so elf Zentimeter auf. Zusätzlich besitzen alle Volkswagen einen Ölbadluftfilter zum Schutz vor etwaigem Saharasand – es könnte ja immer noch Afrika drohen. Die hinteren »Eckstein«-Portalachsen bieten im 1. - 3. Gang eine extrem kurze Übersetzung und ermöglichen den Käfern damit besondere Geländegängigkeit. Zwei integrierte Seilwinden pro Fahrzeug und ein Greifzug komplettieren das Wüsten-Kit. Wilken, der die guten alten Rennsportzeiten vermisst, kommt plötzlich ins Schwelgen: »Früher herrschte eine ganz besondere Atmosphäre beim Rennen, man war auf Augenhöhe. Heute kann sich das professionelle Rennfahren ohne großes Sponsoring niemand mehr leisten«, erzählt uns der 73-Jährige, der sich sogar einmal für die Deutsche Rallye-Meisterschaft qualifizierte.

  • Genug der Theorie. Wir wollen wis-sen, wozu diese Käfer imstande sind. Das fantastische Rührei von Mutter Brandenburg – zelebriert auf dem eigenen Ofen unterm Reetdach – wärmt uns von innen. Wir trauen uns wieder in die klirrende Kälte. Sohnemann Brandenburg ist längst draußen und hält die Boxer-Motoren knatternd warm. Er sitzt im »Gürteltier« – so nennt er seinen persönlichen Käfer-Liebling. Ein Blick auf die Motorhaube verrät warum: Die schrägen Lüftungslamellen ähneln wirklich denen eines Gürteltierpanzers. Wir springen in die anderen zwei Käfer, das Gürteltier führt an. Fotograf Anatol fährt mit seinem Land Rover Defender hinter uns. Als Dr. Brandenburg auf dem Weg ins Revier plötzlich einen Straßengraben ansteuert und ihn durchpflügt, als existiere er nicht, fällt uns spontan die Kinnlade herunter. Wahnsinn, nicht die geringste Neigung! Wir halten an. Brandenburg öffnet das Faltdach und winkt uns heran. »Was ist? Los jetzt, wir müssen zum Hügel!« Unsere Unterkiefer klappen zurück in die Ausgangsstellung – es zieht. Vorsichtig folgen wir. Für einen Moment fühlen wir uns hier wie allein auf der Welt, die Käfer geben unsere Expeditionsfahrzeuge. Doch auch dieser Moment der Besinnung wird jäh unterbrochen vom antrei-benden Mediziner. »Los, weiter! Kommt mit!« Wir passieren eine riesige umgefallene Esche, die von einem Orkan vor zwei Wochen kurzerhand entwurzelt wurde.

  • Oder hat sie jemand nicht ordentlich auf die Spielfläche gelegt? Wir warten auf die riesige Hand, die in die Szenerie greift und alles richtet. Nichts passiert. Wir parken vor der Esche und schwingen uns auf ihren Stamm. Erobert! Von hier kann man den besagten Hügel sehen. Ein Erdhaufen mit einer Steigung von zirka 60 Prozent. Erik Brandenburg steuert den Käfer mühelos zum Gipfel – vorwärts wie rückwärts. Unfassbar! Zurück vom Abenteuer-Spielplatz, wieder auf dem Hof. Wir schließen die Käfer ab und endgültig ins Herz. Die liebliche Form und das vertraute Gesicht – dazu dieses unaufhaltsame Durchbeißen. Wir können immer noch nicht fassen, was wir gerade erlebt haben. Es ist wie mit einem alten Freund, von dem man dachte, man kenne ihn durch und durch...

  • Epilog: Behutsame Käfer-Fans möchten wir versichern: der Ausflug hat in keiner Sekunde auch nur ein Kratzer am Lack hinterlassen. Hätte man das vor Jahren gewusst, wie geländetauglich diese Beetles doch sind. Die eine oder andere Rallye wäre anders ausgegangen, ganz sicher. Während unserer Expedition an der Ostsee hätten wir ein Goldfischglas auf dem Rücksitz transportieren können.


    Autor: Bastian Fuhrmann
    Fotos: Anatol Kotte