Das kann man jetzt ruhig ganz wörtlich verstehen: Walter Röhrl passt nicht nach Monte Carlo. Der große Rallye-Meister steht am Kreisverkehr vor dem Casino und tut das was er am besten kann: Schweigen. Schaut irritiert und belustigt zu, wie die Reichen ganz unter sich sind, wie Baukräne sündhaft teure Wohnsilos anderen Wohnsilos in die Sonne stellen, wie unten am Hafen flugzeugträgergroße Yachten ankern und man meint ihm in so einem Moment ansehen zu können, was er denkt. Vermutlich irgendwas wie „Gut, dass ich nie Formel Eins-Weltmeister geworden bin“. Als Rallye-Weltmeister kann man nämlich schön in Bayern wohnen bleiben und den Jetset an der Cote d`Azur in seiner Louis Vuitton-gelackten Parallelwelt Kreise um sich selbst drehen lassen.

Und dann steigt der Walter in den neuen Porsche 911 Carrera T, tritt den 370 PS-Sechszylinder an und rauscht den Berg hoch, raus aus Monte Carlo, die Corniches hoch. Oben an der Straße nach La Turbie ein letzter Blick nach unten auf die Bucht, dann der Befreiungsschlag nach Osten auf der Autobahn. Bei Menton geht es auf die D2566, nach wenigen Kilometern donnern schon die ersten Serpentinen heran. Langsam durch Sospel, das mit seinen kahlen Platanen-Alleen um diese Jahreszeit in müdem Winterschlaf liegt und nur auf die Rallye Monte Carlo in ein paar Wochen zu warten scheint, dann knurrt der leicht gemachte Basis-Elfer endgültig in die Seealpen hinein. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, das Meer hat seinen Sog verloren, die Kurven wogen dem Auto magnetisch entgegen.

  • „Also, die Hinterradlenkung…“, sagt Walter nach den Gorges du Piaon und verschluckt dann den Rest vom Satz. Neuer Versuch: „Nicht, dass Du mich jetzt falsch verstehst...“ Und lässt den Carrera T wie ein Wiesel durch die Kehren. – Kryptisch. Was gibt es denn falsch zu verstehen? „Ist schon super, dass man mit dem T nun einen Basis-Elfer haben kann, der als Option die wirklich ganz famose Hinterradlenkung haben kann. Das ist gut. Aber ganz roh wäre der auch prima.“ Weil ein 911 Carrera T die reine Idee sein muss? Silhouette, Heckmotor, Sound, Charakter, Leichtigkeit? Dieses Elfer-Fahrgefühl ohne Filter und Schärfen und Spezialisierung? Weglassen als klärende Maxime in einer zunehmend ermüdenden Welt der Options-Paralysen? – Man könnte jetzt meinen Walter Röhrl nicken zu sehen, aber das kann täuschen. Und irgendwie kommt auf den Serpentinen hoch zum Col de Turini dann doch quasi in kurzwelliger Gedankenübertragung die Röhrl-Idee rüber: Wenn der 911 T doch ohne PCM-System, mit leichten Scheiben, ohne Dämmung und Rücksitze gedacht ist, dann braucht es auch keine Hinterachslenkung und wenn die dreimal der Physik den Mittelfinger zeigt. Dieses Auto darf sperrig sein, sportliche Einstiegs-Räudigkeit zelebrieren und dabei durchaus auch das Ingenieurs-Genie der letzten Jahre auf Null stellen. Weil die 911-Idee alleine bereits schon gut genug ist.

  • Wie in Trance zuckt der Neunelf T oben über die Passhöhe am Col de Turini, wir versuchen Meister Röhrl jetzt in einem gefühlsduseligen Moment irgendwelche Monte-Sprüche zu entlocken, aber der lange Walter schaut nur mitleidig zu uns rüber. Walter Röhrl ist ein Held, der verstanden hat, dass das nicht größer wird, wenn man die ganze Zeit seinen Lorbeerkranz spazieren trägt. Das passt ganz gut zum Porsche 911 Carrera T. Sehr gut sogar. Weite Bogen surfend rocken wir runter ins Var-Tal, bei Colomars die Abzweigung rüber nach Vence und plötzlich ist das gerade noch schroffe, kalte Land der Berge milde und Lavendel-schwer. Felsentürme, schroff und kantig, weite steile Felder, hinter Grasse stürmen wir über die D6085 zurück nach Norden. Dann die D21, der Himmel liegt irgendwo hinter Comps-sur-Artuby. Trigance, La Palud-sur-Verdon und kurz vor Moustiers-Sainte-Marie spuckt uns das herrliche Drama der Verdon-Schlucht aus, zurück nach Süden. Im 911 Carrera T herrscht ergriffenes Schweigen. Einfach immer wieder gut, ein Auto mit so ausgeprägtem Spieltrieb zu fahren, Walter Röhrl am Steuer macht die Geraden kurz und die Kurven analytisch, das ist ab einem bestimmten Punkt die reine Transzendenz. Man kann es nicht erklären. Autofahren wie Musik, Meditation, ein Gottesbeweis. Brignoles, Toulon, wir sind jetzt beinahe zurück am Meer.

  • Vom 911 Carrera T in den GT3 ist es ein weiter Weg, auch wenn sich die beiden Autos beinahe entgegenkommen. Beim Fahrzeugwechsel in der Bucht von Bandol ganz bestimmt, aber auch im Geist: Für den 911 T macht Porsche den Basis-Elfer leichter und einen Herzschlag sportlicher, das Auto ist sozusagen ein ganz normaler Neunelf nur mit ein paar Beats per Minute mehr. Und wenn der eigentlich rasiermesserscharfe 911 GT3 das Touring-Paket bekommt, geschieht etwas Ähnliches in umgekehrter Richtung: Weg vom Leistungssport, hin zum Freizeitsport, Gran Turismo statt Racetrack.

    Der riesige Flügel am Heck des GT3 muss – waschstraßenfreundlich – dem ausfahrbaren und variabel verstellbaren Heckspoiler der zivileren 911-Modelle weichen, lediglich ein kleiner Guerney Flap macht die Aerodynamik fit für 500 PS-Fahrtwind. Dunkel getönte Bug- und Heckleuchten und ein Motorhaubengitter mit kleiner „GT3 touring“-Plakette vervollständigen das moderatere Exterieur, im Cockpit wird der Fitness-Look des GT3-Alcantara-Cockpits durch einen Schwenk hin zu edlem Leder aufgemischt. Technisch bleibt im Wesentlichen gleich – dass das Doppelkupplungsgetriebe des GT3 aber einem manuellen Sechsgang-Schaltgetriebe Platz machen muss, ist das eigentlich starke Signal des GT3 touring: Der GT3 hat sich längst ins Paralleluniversum bitterböser Sportlichkeit verabschiedet, er ist ein kompromissloses Tool für die Ideallinie und die Doppelkupplung bringt eben ganz emotionslos betrachtet Zehntelsekunden – mit dem Handschaltgetriebe kommen die Gefühle zurück. Der hier darf etwas langsamer sein, sich dabei aber schneller anfühlen, oder zumindest cooler.

  • Mit diesem herrlichen Konflikt in den Knochen steigen wir in den GT3 touring und stürmen los. Wie ferngesteuert hoch in die Berge, dann aber vorbei an der Rennstrecke. Den Circuit Paul Ricard lassen wir aus, hämmern stattdessen weiter unter Zypressen und Pinien ins Innere der Provence. Der GT3 touring macht nun eben die Landstraße zur Rennstrecke, ein klarer Fall von Ersatzhandlung. Hat aber nichts mit infernalischem Speed oder sozialverachtendem Selbstverständnis zu tun, sondern mit der unnachahmlichen Art die einen GT3 zum GT3 macht: Das hartnäckige Festhalten an der eingeschlagenen Linie, der sensationelle Grip an der Vorderachse, die stierische Traktion hinten, das vollkommen humorlose Handling, die brutale Beschleunigung. Gänsehautverursachend direkt, haarsträubend klar. Dieses Auto hat standardmäßig immer einen großen Schluck Energy Drink in den Adern, ADHS ist hier endlich mal erwünscht, entkoffeiniert wird hier gar nichts.

    Auch das Touring-Paket schafft es nicht dem GT3 das GT3-Sein auszutreiben, ganz und gar nicht. Das Testosteron-haltige Lebensgefühl GT3 wird so eher zur legalen Droge, wird endlich mal über dem Ladentisch verkauft. Hinter Aix-en-Provence haben wir uns diesem Charakter bereits milde lächelnd hingegeben, nach dem Wechsel ins Tal der Durance sind wir vollkommen berauscht. Eine letzte Bergetappe über die D943 beim Wechsel vom Kleinen zum Großen Luberon wird zur Rallye-Sonderprüfung, dann lösen wir uns vollständig in einen Fahrspaß-Aggregatzustand auf: Wie der Vierliter-Saugmotor beinahe hysterische Drehfreude mit stählernem Punch verbindet, und den Speed mechanisch klackend per Sechsgang-Getriebe portioniert das ist die pure Sucht. Emotionale Kernschmelze zwischen Sault und Carpentras, das Grinsen im Gesicht tut inzwischen beinahe schon weh.

    Beinahe hätte es uns bei Avignon auf die Rhone-Autobahn nach Süden gespült, aber ein hellwacher Instinkt nimmt den östlichen Umweg üer die Alpiles. Bei Arles dann ins Land der geraden Straßen, ein kurzer feuchter Gruß vom Rhone-Delta, der heißere Sound des Sechszylinder-Boxers fräst an die alte Stadtmauer von Aigues-Mortes, bei Le Grau-du-Roi landen wir wieder am Mittelmeer. Irgendjemand verbrennt Holz und trockenes Schilf, der harte Duft des Feuers füllt die Winterluft. Zieleinlauf im Porsche GT3 touring. Stimmungsvoll. Tage wie diese.

    (c) Stefan Bogner & Ben Winter