Zuffenhausen liegt in Kalifornien. Wer einmal am Steuer eines Porsche durch den Golden State gebraust ist oder sogar die „Rennsport Reunion“ in Laguna Seca besucht hat, weiss wovon wir sprechen. Wir haben nun die Wallfahrt ins gelobte Land angetretet. Auf eigener Achse, von Stuttgart nach Monterey. In einem dröhnenden Porsche 906. 

  • Ungelogen: Kein anderes Volk der Welt ist so versessen auf die schwäbischen Sportwagenkreationen wie die Kalifornier. Verantwortlich für den Siegeszug von Porsche an der Pazifikküste war ursprünglich übrigens ein Österreicher: Johnny von Neumann. Der legte den Südkaliforniern mit seiner Firma Competition Motors schon Anfang der 1950er Jahre die von Ferry Porsche entworfenen Automobile ans Herz. Auch viele Hollywoodstars wurden damals auf die spartanischen Sportwagen aufmerksam, die so gut zum kalifornischen Lebensgefühl passten. Einer der ersten und gleichzeitig berühmtesten Porschefahrer an der Pazifikküste war James Dean, der sich mit seinem Porsche 356 1500 Super Speedster kaum ein Rennen entgehen ließ und sich 1955 schließlich seinen „Little Bastard“ zulegte – jenen Porsche 550 Spyder, mit dem er noch im selben Jahr tödlich verunglücken sollte. Trotz der Tragödie von einst entwickelte sich Kalifornien, jener US-Staat mit den schönsten, spannendsten und vielseitigsten Straßen, zum größten amerikanischen Markt der Marke. Bis heute ist die Faszination ungebrochen: Der vollbärtige Elfer-Jünger Magnus Walker hat die klassische Porsche-Philosophie auch den Twentysomethings näher gebracht und dank der Streetwear-Marke Period Correct kann man nun auf dem Hipster-Boulevard Abbot Kinney in Venice Beach lässige Teenager beobachten, die stolz den Schriftzug „Gmünd“ auf ihrem T-Shirt zur Schau tragen. Und selbst deutsche Zungenbrecher wie „Fuchsfelge“ oder „Ölklappe“ akzentfrei aussprechen können. Das größte Fest der kalifornischen Porsche-Szene ist freilich die „Rennsport Reunion“ – das wichtigste Klassentreffen aller Porsche-Rennwagen, das einmal im Jahr in Laguna Seca stattfindet. In der Boxengasse trifft man dann nicht nur berühmte amerikanische „Porschistas“ wie Jerry Seinfeld oder Jay Leno, sondern auch die großen europäischen Motorsport-Haudegen: Jochen Mass, Jackie Ickx, Hans Herrmann, Derek Bell, Vic Elford. Wir haben uns für die Reise zur Rennsport Reunion dieses Mal etwas ganz Besonderes ausgedacht: Statt komfortabel-öde mit dem Business-Flieger und Shuttlebus wollen wir die Reise zumindest ein gutes Stück auf eigener Achse zurücklegen. Von Stuttgart bis nach Monterey an der Pazifiküste, einmal um die halbe Welt. Und nicht mit irgendeinem Porsche, sondern am Steuer eines echten Porsche 906 von 1966, einer absoluten Rennsport-Ikone!

  • Einst hatte sich der französische Rennfahrer Jean Clement den Carrera 6 bestellt, um an Bergrennen teilzunehmen. Mit so einem Geschoss mit seinem empfindlichen Magnesiummotor abseits der Rennstrecke zu fahren, klingt zunächst einmal verrückt. Doch bis in die 1970er Jahre wurde der 906 tatsächlich im Straßenverkehr bewegt – schließlich handelte es sich um einen Porsche. So holen auch wir uns in der Werkstatt des Porsche Museums die letzte Ölung und dröhnen bei Nacht und Nebel auf die Autobahn in Richtung Frankfurt am Main, wo eine Lufthansa-Maschine nach Los Angeles auf uns wartet. Einen Renn-Porsche aus den 1960er Jahren flugtauglich zu verzurren, ist natürlich kein Kinderspiel. Doch die Logistiker von Lufthansa lassen den Carrera schnell, sicher und professionell im Bauch des Jumbos verschwinden. German Engineering trifft German Efficiency, könnte man sagen. Das kalifornische Gegenstück erleben wir zwölf Stunden später nach unserer Landung am Flughafen von LAX, wo unser Rennsport-Veteran tatsächlich zwei Tage in den Katakomben der Zollverwaltung hängen bleibt. Zwei Tage, die uns beim Fotografieren schmerzlich fehlen – und zu einer rasanten Aufholjagd ermutigen. Irgendwann ist der Porsche schließlich freigegeben und wir dröhnen über menschenleere Boulevards, unter den schwarzen Schatten der Palmen gegen den milchigen Nachthimmel, in Richtung Downtown.

  • Am nächsten Morgen klingelt in aller Frühe der Wecker – über den Highway Number 1 führt unsere Tour hinauf nach Monterey. Die Sonne brennt, wie sie es nur in Kalifornien vermag, und schnell hat unser spärlich belüfteter Porsche den Spitznamen „Bratschlauch“ weg. Entschädigt werden wir von den Reaktionen der Autofahrer, die förmlich ausflippen, sobald wir auf dem Highway an ihnen vorbei ziehen, und uns bei jedem Tankstopp zujubeln. Tatsächlich haben wir nirgendwo sonst einen solchen Enthusiasmus erlebt, wie mit diesem Porsche auf den Straßen Kaliforniens. Angekommen auf der Rennstrecke von Laguna Seca, folgt sofort die Kür: Die Runden über die legendären Achterbahnkurven, einem Porsche 917 entlang der Ideallinie folgend. Wir haben es geschafft: Auf Achse, ohne Mechaniker, nur mit einem zweiten Satz Reifen on Board, bis nach Kalifornien – ins gelobte Land der heiligen Blechle!

  • (c) Text: Jan Baedeker • Fotos: Stefan Bogner & Victor Jon Goico