Mit der Cessna im Tiefflug über arktische Weiten gleiten, im Breitreifen-Landy über schneebedeckte Vulkane klettern oder am Steuer eines Porsche 911 wagemutig in Richtung Eismeer driften – Island im Winter ist ein grandioses Abenteuer. Wir haben die Insel in drei Tagen und 1600 Kilometern für unser Projekt Sleeping Beauties umrundet.

  • Wir von Curves reisen ja am liebsten antizyklisch. Denn wenn auch die letzte Schneekanone in den Alpen ihren Kampf gegen den Frühling eingestellt hat und der sendungsbewusste Freundeskreis die ersten Sonnenbrillenbilder vom Straßencafé in Bologna oder der Riva-Ausfahrt auf dem Gardasee bei Instagram teilt, schlägt man als alter Unkonventionalist am besten die entgegengesetzte Himmelsrichtung ein. Hoch im Norden, wo Eis und Schnee die Welt noch in ihrem Griff haben, kann man dann nämlich die Naturgewalten in ihrer ganzen frostigen Pracht erleben – und den Winter standesgemäß mit einer gewaltigen Pulverschneewolke verabschieden. Keine vier Stunden ist Island von München entfernt. Und doch ist dieser Fels am Rande des Polarkreises gerade im Winter so fremdartig und fantastisch, wie der Eisplanet Hoth aus Star Wars. Da ist es natürlich hilfreich, wenn man vor Ort Freunde hat, die nicht nur die Leidenschaft für schnelle Autos aus Zuffenhausen und rasante Road Trips teilen, sondern auch in der Lage sind, die spannendsten Flecken der Insel bei ewigem Dämmerlicht und unter einer meterdicken Schneedecke wieder zu finden. Noch besser, wenn diese Freunde dann ganz nebenbei noch einen Pilotenschein besitzen, für Iceland Air auf der Mittelstrecke fliegen und einen ganz nonchalant in München mit ihrer Boeing einsammeln. Die isländische Experience beginnt dann natürlich auch schon auf dem Flug, wenn man das Bordradio einschaltet und einem – statt der erwarteten Mainstream-Playlist – die lässigsten Elektronik-Frickeleien der musikalischen Avantgarde von Reykjavik entgegenbleepen. Den Titel der weltweit coolsten Airline (okay, neben Yeti Air in Kathmandu) sollte Iceland Air schon damit sicher sein.

  • In Keflavik gelandet, bleibt jedoch keine Zeit, die musikalischen Neuentdeckungen in den zahlreichen Bars und Clubs der “Räucherbucht” zu vertiefen – denn schon laufen die Motoren warm für unsere Expedition ins weiße Nichts. Während Island einem im Sommer mit seiner ewigen Sonne, den sattgrünen Wiesen und unglaublichen Kontrasten alle Sicherungen durchbrennen lässt, ist es im Winter eine schier unendliche weiße Weite, bei der man nie weiß, wo die Erde endet und der Himmel beginnt, und die alles Leben zu schlucken scheint. Nur zwei Mal am Tag, wenn die Sonne so schräg steht, dass die Partikel in der Luft und die Synapsen im Kopf zu tanzen beginnen, wird das weiße Nichts in einen psychedelischen Farbkasten getaucht.

  • Auch was das physikalische Kräftemesser betrifft, haben unsere Freunde nicht zuviel versprochen: Das verschneite Terrain wird zunächst aus dem Cockpit einer kleinen Cessna, Baujahr 1953 vermessen, die unser Pilot im Tiefflug über die schier unendliche Landschaft gleiten lässt. Die martialischen Breitreifen unseres Landys, mit dem wir uns anschließend ins Gelände stürzen, würden derweil auch jedem NASA-Rover auf Mars-Mission gut zu Gesicht stehen, kommen einem aber spätestens beim Offpist-Slalom über den Steilhang eines Vulkans im Winterschlaf gar nicht mehr so übertrieben vor. Und natürlich, wie könnte es bei einem Curves Drive anders sein, steht auch 2.500 Kilometer nordwestlich von Zuffenhausen bald der ein oder andere Porsche parat. Die größte Freude bringt immer noch der Drift am Steuer eines guten alten Elfers, der wie gebaut zu sein scheint für den wilden Ritt auf dem spiegelblankem Terrain am Rande der Eismeerküste.

  • 1.600 Kilometer legen wir derart schleudernd, rutschend und driftend in drei Tagen zurück – einmal rund um die Insel. Von Reykjavík nach Akureyri, Egilsstaðir und Höfn geht es auf der Route 1 bis nach Selfoss. Und wieder sind es die freundlichen Menschen von Iceland Air, die uns in ihren heimeligen Hotels abseits der Ringstraße nach langen Tagen in Eis und Schnee Unterschlupf gewähren. Und so schnell, wie wir in dieser unwirklichen Winterwelt gelandet sind, so schnell sitzen wir wieder in der Maschine zurück nach München. Zu den neuesten Bleeps und Klongs aus dem Bordradio verschwindet die Insel in der Dunkelheit des Nordmeers. Was bleibt, sind Bilder von eindrücklicher Klarheit – und die Erinnerung an das freudige Ziehen im Bauch beim Allrad-Freeriden auf dem verschneiten Vulkan.

  • (c) Text: Jan Baedeker, Fotos: Stefan Bogner, Michael Daiminger