Auch wenn die Sommermonate traditionell die Zeit der Alpenpässe sind – visuell hat der Winter in den Bergen noch mehr zu bieten. Denn während die einen Passstraßen in den Winterschlaf fallen und sich ihre Serpentinen gerade noch als Silhouetten unter der Schneedecke abzeichnen, ziehen sich die Kurven und Kehren der geräumten und offen gehaltenen Alpenübergänge wie schwarze Tuschelinien über den weißen Grund. Bei meinen winterlichen Reisen in die Berge weiss ich bis zuletzt oft nicht, was meine Kamera und ich geboten bekommen werden: Den monochromen White-Out oder den ultimativen kalligraphischen Kontrast. Es ist diese saisonale Reduktion auf das Wesentliche – die Kurve als Teil der alpinen Topographie, das schwarze Asphaltband in seiner reinsten Form – die mir die künstlerische Leistung der Architekte und Ingenieure stets aufs Neue vor Augen führt. 

  • Und dann beginnt es zu schneien. Erst fallen die Flocken noch spärlich auf ausgedörrte Wiesen und leuchtend gelbe Lärchenwipfel, schiefergraue Felsen und stille, dunkle Seen herab. Doch das Schneetreiben wird rasch dichter, bis man kaum mehr die nächste Kurve erkennt und die Serpentinen, die den Berg noch vor wenigen Augenblicken so markant gezeichnet haben, unter einer kalten weißen Decke verschwinden. Mit dem ersten Schnee kehrt in den Alpen die Ruhe ein. Die Urlauber in ihren Wohnmobilen sind längst in ihre Täler zurückgekehrt – und mit ihnen die dröhnenden Rennmaschinen und Sportwagen der Kurvenjäger. Noch klingen irgendwo aus dem Nebel ein paar Kuhglocken, doch auch sie werden bald nicht mehr zu hören sein. Es ist diese Zeit zwischen dem ersten Schnee und dem Beginn der Wintersportsaison, in der die Bergwelt ihren ursprünglichen Charakter offenbart: unwirtlich und rau, einsam und still, sich in ihrer monochromen Monotonie aus weißen Gipfeln, weißen Tälern, weißen Nebelschwaden, dunklen Nadelwäldern und tiefschwarzem Gestein allen Sinnen widersetzend. Interessanterweise zeigen die meisten Bilder, die uns in Zeitschriften, Büchern und Werbekampagnen begegnen, die Alpenwelt entweder im Hochsommer mit blühenden Bergwiesen, oder als Winterwunderlandschaft mit geschlossener Schneedecke – lediglich der Himmel ist zu jeder Jahreszeit tiefblau. Die Wochen und Monate der Transformation hingegen scheinen sich mit ihren Wolken- und Schneefetzen dem medialen Ideal der Alpen zu widersetzen und sind deshalb visuell nur wenig dokumentiert. Gerhard Richters Davoser Gemälde Monstein von 1981 gehört zu den wenigen, dafür umso eindrücklicheren Porträts dieser Zwischenzeit, wenn die Sonne höchstens noch als diffuses Leuchten durch die Wolken dringt. „Es gibt für mich keinen Unterschied zwischen einer Landschaft und einem abstrakten Bild“, hat Richter einmal gesagt. Und tatsächlich: Hier oben, jenseits der Baumgrenze, wenn der Schnee langsam die Kontraste auslöscht, verschwimmen für den Betrachter die Grenzen zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion.

  • Noch kann man unter dem Schnee hier und da eine Serpentinenkurve erahnen – doch die meisten Alpenpässe fallen nun in ihren Winterschlaf, aus dem sie erst im späten Frühjahr wieder erwachen. Wenn Sonne und Schneefräsen die schwarzen Asphaltbänder im Mai oder Juni zurück
    ans Tageslicht bringen, hat man die schönsten Serpentinen nochmals für kurze Zeit für sich allein, bevor die Blechkarawane sich wieder den Berg hinaufschiebt. Doch für viele der großen Passstraßen, vom Gotthard bis zum Stilfser Joch, sind die Sommermonate eigentlich die Ausnahme, die Abweichung von ihrem tiefgekühlten Aggregatzustand. Seit die meisten Berge der Alpen von Tunneln durchlöchert werden, durch die man bequem fast jedes Tal und Skigebiet erreicht, gibt es nur noch eine Handvoll Pässe, die auch in den Wintermonaten schneefrei gehalten werden. Umso erstaunlicher erscheint einem angesichts dieses physikalischen Härtetests die ingenieurstechnische Leistung des Straßenbaus. Es ist paradox, dass wir heute vor allem die modularen Fertighäuser und vergänglichen Bungalows der Architekturmoderne bewundern, während die beständigsten architektonischen Wunderwerke dieser Zeit – die Hochstraßen, aber auch die zahllosen Tunnels und Brücken – von uns weiterhin wie selbstverständlich als commodities betrachtet und befahren werden.

    Auf Stefan Bogner, der für sein Mammutprojekt Curves wie kein anderer Fotograf die Straßen der Alpen dokumentiert hat, üben die „schlafenden Schönheiten“ gerade in der Nebensaison eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Wenn der Nebel klamm in den Wäldern hängt, der erste Schnee sich über Felsen und Almen legt oder die alpine Landschaft sich in der Frühjahrssonne in einen weiß-braunen Flickenteppich verwandelt, findet er seine authentischsten Motive. Mit seinen antizyklischen Ausflügen in diese kaum dokumentierte Saison der Bergwelt schließt sich vorerst auch sein Bilderzyklus der schönsten Alpenpässe. Und so hält auch dieses Buch als Kür noch einen Ausblick bereit: Eine Winterreise ans Ende der Welt. An welchem anderen Ort könnte es im Dezember und Januar schließlich so finster, archaisch und kalt sein wie auf Island, jener sagenumwobene Vulkaninsel am Rande des Polarkreises? Dass hier ein Fahrweg durch Eis, Schnee und die ewige Nacht führt, deren Spur man einmal um die Insel herum folgen kann, gehört zu den Leistungen der Straßenbaukunst, vor deren Schönheit und Sinnlichkeit wir uns mit diesem Band nochmals verneigen möchten.