Tom Konecny (22) und Pablo Steigleder (25) sind Stadtkinder und kennen sich seit ewigen Zeiten, fahren nur mit gutem Grund aufs Land und dann auch nur mit Stollenreifen. Lieber heizen die beiden Münchner nachts am Stadtring durch die Tunnel und hören dabei A$AP. Café Racing reloaded. CRAFTRAD hat sie besucht und zu ihrem neuen Bike befragt. Ein Artikel von CRAFTRAD

  • Wie kam es zu eurem ersten Umbau, der blauen BMW? TOM Ich hab’ mir die BMW mit 17 gekauft, als ich noch gar keinen Führerschein hatte, und im Keller meiner Eltern angefangen, sie auseinanderzunehmen. Damals hatte ich Pablo schon immer genervt, dass wir das zusammen machen sollten. Aber er zog nie so recht ... PABLO Stimmt, aber ein paar Jahre später ging’s dann los. Wir haben sie aus dem Keller geholt und im Baustofflager meines Vaters zusammen umgebaut. Ursprünglicher Gedanke war, erst mal eine für Tom und eine für mich zu bauen. Die blaue ist letztes Jahr zu den BMW Motorradtagen fertig geworden. Wir haben uns dann in Garmisch ins Gelände reingezeckt, ohne Anlieferschein durch die Kontrollen, und uns einfach neben das Motodrom hingestellt. Das Bike hat voll eingeschlagen und so war klar, dass wir weitermachen. Die erste hat viel von dem hier in der Garage finanziert, wir sind ja Studenten, wo die Kohle nicht auf dem Baum wächst. Die blaue war auch eine der Ersten, die so clean und radikal erschien, anders als bisherige Boxer-Umbauten ... T Ja, wir haben unzählige Mopeds im Netz angeschaut und dabei viele Details gefunden, die wir anders gemacht hätten. Bei den Zweiventiler- BMWs ist immer diese Tank-Sitzbank-Kombination schwierig. Wir haben uns viele Gedanken gemacht, bevor die Linie so zustande kommen konnte. Später hat ein befreundeter Grafiker am Rechner mal den Goldenen Schnitt drüber gelegt, was fast passte! Aber, ehrlich gesagt, war das ein Lucky Punch, wir wussten damals noch nichts davon. Bei der zweiten haben wir das dann noch weiter verbessert, bei der noch mehr Komponenten, wie zum Beispiel auch die Stoßdämpfer, in der Linie laufen.

  • Euer Ansatz scheint darauf zurückzugehen, dass ihr einen anderen Hintergrund habt, euch in einer anderen Szene – sicher auch wegen des Alters – wohlfühlt? „Unsere Mopeds sollen vor einer Eisdiele stehen und von einer Traube Menschen umringt sein.“ Eine Suzuki DR 650 war Spenderfahrzeug für die DA#5 T Die Midlife-Crisis-Jungs holen sich irgendein Moped und bauen das nach ihrem Stil um, wir machen aber das komplette Gegenteil. Klar, wir sind jung, hören nicht Johnny Cash, sondern A$AP – dann kommt auch was anderes dabei raus. Tourenfahren ist für uns nicht wichtig, es muss nur gut aussehen. Wir haben andere Ansprüche und eine andere Sinnhaftigkeit. Unsere Mopeds müssen nur zur Uni oder Eisdiele kommen können und eine Traube Leute drum herum versammeln, die Fotos machen. Dafür ist das Bike da, nicht um 150 Kilometer am Stück zu fahren. Einmal sind wir mit der blauen nach Dachau geballert, also etwa 60 Kilometer hin und zurück, danach konnte ich mich aber auch nicht mehr bewegen. Die zweite ist deutlich besser fahrbar, aber das ist nicht unser Anspruch. Das gibt es in der Autoszene auch seit 10 bis 15 Jahren. Die fahren keine 100 Meter mit ihren Kisten, weil sie so tief liegen und die Felgen so breit sind. Die trauen sich, das zu machen. Wir lassen uns davon auch inspirieren ... … das heißt, eure Inspiration holt ihr in erster Linie in der Autoszene? T In der US- und Japanszene wird ganz viel gemacht, was man sich hier noch nicht traut. Wir wollen das mit Motorrädern machen und sind da wohl mit die Ersten, die das hier in Deutschland und vielleicht sogar Europa machen. Das betrifft aber auch andere Szenen, deren Ideen wir auf unsere Mopeds übertragen. Zum Beispiel die zwei verschiedenen Felgen an der blauen. Das hatte ich zuvor nicht gesehen, die Inspiration kam von den japanischen Drifterjungs, die bei ihren Autos vorn und hinten unterschiedliche Felgen haben, aus dem einfachen Grund, dass die Reifen hinten, die sie andauernd verbrennen, in den Größen viel günstiger sind, und sie somit mehr verballern können. Das hatte ich zuvor bei Motorrädern nicht gesehen und dachte mir, wenn die das bei den Autos können, können wir das auch. Gibt’s konkrete Vorbilder? T Bei mir ist das die Japanszene, Pablo ist das oft zu viel und zu krass. Aber zum Beispiel Liberty Walk, ein Typ, der 25 Jahre gespart hatte, um sich einen Lambo zu kaufen und dann aus seinem letzten Ersparten den Lambo zu zersägen, hat dann einen fetten Bodykit draufgebatzt. Du denkst dir, bitte mach das nicht, aber das hat so unglaublich eingeschlagen und heute ist er Millionär durch seine Bodykits. Wir versuchen, auch einen Schritt weiter zu gehen und mit dem Design wirklich mehr zu machen – und nicht nur eine andere Tankfarbe und Teile aus dem Zubehör dranzuschrauben. Man sah das auch bei den japanischen R nineT-Jungs, die im Vergleich zu unseren europäischen Jungs schon einen deutlichen Unterschied zeigten. Das ist eben dieses gleiche Mindset – fuck it, wir machen das nun komplett neu und feilen das Teil aus dem Vollen. Was Konzepte von Herstellern angeht – seid ihr auf dem Laufenden und kümmert euch drum? T Klar haben wir ein Auge drauf, auch was andere Customizer machen. Aber man muss eben auch sehen, dass Hersteller die Massen begeistern müssen und nicht wie wir nur eine Person.. Insofern ist dabei alles ein wenig weichgewaschen. Oft sind coole Ansätze dabei, die machen das schließlich länger als wir, aber es ist eben sehr allgemein. Wir können extremer sein. Uns muss es gefallen und am Schluss jemandem, der das kaufen möchte. Irgendwelche Internetjungs, die das auf Blogs schlechtreden, kümmern uns nicht, uns muss es gefallen.

  • P Das ist auch der Unterschied. Wir wollen gar nicht, dass es der Masse gefällt. Es gibt sehr viele, die das gut finden, was wir machen, und es gibt aber auch welche, die sagen, das geht gar nicht, das ist total hässlich. Genau das wollen wir aber, nicht das Irgendwo-Dazwischen, nix Lauwarmes, entweder ganz oder gar nicht. T Bei der zweiten war das oft so: „Geht gar nicht, Stollenreifen und Stummellenker …“ … geht euch das selbst auch so, dass man sich sagen hört: „Das geht doch gar nicht!“? P Wir sind da mittlerweile schmerzbefreit, und das wird auch von Bike zu Bike immer schlimmer. T Stimmt. Anfangs dachten wir bei ein paar Sachen noch so. Wie bei der DR mit der Tank-Camou – die Idee hatten wir bei der blauen auch schon, dachten aber noch, das ist der Overkill und wäre zu viel. Heute sagen wir uns: „Egal, drauf damit!“ Genauso mit dem Tieferlegen. Zuerst dachten wir zwölf oder nur elf Zentimeter und jetzt sind wir bei achtzehn, Flex her, Hülsen reinballern … Wenn du das öfters machst, wird das normal. Wie in jedem anderen Business auch. Ist aber bei vielen so, dass sie es selbst gar nicht merken, wie sie sich von alten Regeln einbremsen lassen. Die japanische Auto-Umbauer-Szene hat euch also aufgezeigt, dass es auch anders geht? T Genau, das ist das, was ich meine. Am Anfang musst du deine Handschrift und deinen Style finden, du setzt dir quasi kleine Grenzen links und rechts innerhalb dessen. Egal, ob du dich an die Japaner anlehnst oder an andere Designs, wir setzen das eben in unserem Bereich um, mit unserer Handschrift. Das wollen wir fortführen: Du siehst die drei Bikes nebeneinander und es muss klar werden, dass wir die gebaut haben – ohne Sticker oder Namen drauf. Leute, die an einem Tag einen Bobber machen, dann Streetfighter und womöglich ein Trike, sind in unseren Augen total inkonsequent, die bücken sich zu stark. Ihr habt auch den jugendlichen Vorteil geringer finanzieller Verpflichtungen … P Ja, das stimmt natürlich, das ermöglicht uns, nur so wenige Bikes zu bauen, aber die dafür konsequent in Form und Linie. Das macht auch gerade den Schwung dieser Szene aus, dass kleine Garagen wie ihr konsequente Bikes bauen … T Zwischen Garagen wie uns und der Industrie gibt es eine breite Masse, die sich dann – sagen wir mal – eine R nineT holen und den halben Louis-Katalog draufschrauben. Von denen lebt das auch ein bisschen, da die diesen Schwung unterstützen. Das sind die 90-Prozenter, zwar nicht unsere Kunden, aber die sagen sich, so ganz krass will ich nicht sein und ich will das auch nicht selber machen, aber ich will was Individualisiertes haben, ein Unikat. Was ja auch in Ordnung ist, jeder will heute was Individuelles haben. Das sind die, die von uns beispielsweise nur den Spiegel oder das Heck kaufen wollen. Andere Customizer machen das, aber wir wollen Komplett-Umbauten machen. Meint ihr, dass noch weitere Hersteller – wie BMW und Ducati es vorgemacht haben – mit neuen Produkten in Nischen gehen werden, die sie bisher nicht abgedeckt haben? T Glaub’ ich nicht. Klar ist das markenabhängig, denn wenn du Marken wie Honda oder Kawasaki anschaust, verkaufen die von ihren Bikes so viele, dass sie diese Bärte in Jeans auf abgespeckten Maschinen gar nicht interessieren. Macht ihr das mal, wir machen, was wir immer gemacht haben. Das ist auch das, was ich vorhin mit der riesigen 90-Prozent-Masse gemeint habe, von der wir gar nichts mitbekommen. Die fahren seit Jahrzehnten mit ihrer Adventure und den Touratech- Koffern herum. Aber Nischenprodukte werden immer mehr werden. Also Customizing aus dem Katalog oder per Klick die Bestellung ändern. Es gibt eben ganz, ganz viele, die sich mit ihrer Edwin Jeans und RedWings andere Blinker dranbauen, und das dann als ihre Individualität sehen. Welche Hersteller und Bikes wären für euch am interessantesten? P Eindeutig die R nineT, das Ding ist megageil, ich fahr den Motor bei meiner Adventure schon seit Jahren. Das Konzept, tief, klein – für die Stadt ideal. T Wir haben die ja hier für unseren Kundenauftrag stehen und natürlich ausprobiert, aber ich finde die Scrambler von Tag zu Tag schöner und vor allem gibt es noch keine wirklich krassen Umbauten. Die Basis für einen Umbau ist super, Fahrwerk und Motor sind super, du musst eigentlich nur noch die Optik hinpfuschen. Das würd’ ich schon gern mal ausprobieren wollen Die Suzuki ist nun wieder ein Bike für euch, kein Kundenauftrag? P Richtig, die blaue steht mittlerweile in New York, die zweite ist nun auch verkauft und ein Promo-Bike brauchen wir immer, das du Kunden und auf Events zeigen kannst, damit sie deine Handschrift erkennen können. Warum habt ihr nun eine DR als Promo-Bike genommen? T Die stand bei uns nur herum … (lacht) P So ein Umbau zeigt ganz gut, was man damit machen kann. Man muss den Leuten und potenziellen Kunden das erst zeigen, damit sie sich das vorstellen könnten. Deswegen haben wir eine Enduro genommen und umgebaut, als Promo-Bike mit unserer Handschrift. Wir wollten wieder was für die Stadt, keine sperrige Boxer, sondern einen Einzylinder, klein und wendig. Warum keine K umgebaut, wie zurzeit so viele? P Ich bin absoluter K-Hasser, das ist ein Automotor und hat in einem Motorrad nichts zu suchen. Die vielen Umbauten resultieren wohl daraus, weil die Basis günstig war. Vorher waren es die CBs, dann die Zweiventiler- BMWs, die heute mit der Café-Racer-Steuer drauf das Doppelte kosten wie noch vor drei Jahren. Heute sind halt die Ks dran, weil da noch viele in Garagen rumstehen. Wenn man bedenkt, wie viel Aufwand man in diese Basis, den Rahmen und die Formgebung, stecken muss und wie wenig Wert dabei generiert wird, macht das nach meinem Verständnis keinen Sinn ... … aber was bedeutet für euch „Wert generieren“?Resultiert das aus der verwendeten Basis oder dem dabei entstandenen Unikat? T Da habe ich mir viele Gedanken drüber gemacht. Du schaust dir bei mobile.de umgebaute BMWs für zehn Scheine an, handelst dann die Umbauzeit runter, „weil du das ja nie bezahlt bekommst“. Umbau ist totes Geld. Das ist ein valides Argument. Auf der anderen Seite gibt es aber Leute, die dafür zahlen und viel Geld für einen Umbau ausgeben. Ich kapier’s noch nicht ganz, obwohl sich die Welt ja nach diesem Prinzip dreht. Was ist der ausschlaggebende Punkt dafür, dass Leute 40.000 Euro für ein umgebautes Moped ausgeben nur weil der Umbauer einen großen Namen hat? Letzte Frage: Elektrobikes? P Ich fände es super und interessant, mit einem C-Evolution-Umbau am Glemseck an den Start zu gehen! Ich komme ja auch gewissermaßen aus der Ecke, weil ich zuvor bei Segway gearbeitet habe. Aber in der Custombike- Szene hat Elektro nichts zu suchen. Hier muss es laut sein, es muss stinken. Für mich gehört dieser Charakter dazu. Was zum Beispiel auch bei einer K mit dem Vierzylinder-Reihenmotor fehlt – ein Boxermotor rüttelt herum, der bewegt sich und hat Charakter. Ein Elektroding mag effizient sein und abziehen ohne Ende, aber es fehlt was. Als Fortbewegungsmittel in der Stadt hingegen könnte ich mir das durchaus sehr gut vorstellen. T Für einen Umbau gibt es noch keine gute Basis, weder von der Form noch vom Preis. Aber wenn wir eine Basis bekommen würden, fände ich das auch sehr interessant. Sicher wird es da aber in Zukunft einiges geben. … und ein eigenes Konzept umsetzen? P Da hätte ich tierisch Bock drauf, aber die Entwicklungszeit ist enorm und wenn, dann würde das nur in Kooperation mit einem Hersteller funktionieren. Aber wer weiß, was da in den nächsten Jahren passieren wird. Konzepte und Produkte liegen schon lange in deren Schubladen und warten nur drauf, bis die andere Cash-Cow vom Eis gegangen wird.

  • (c) Hermann Köpf