Rekordzeiten von Eckhard Eybl

  • Im Spätsommer 2013 knackte ein Seriensportwagen auf der Nordschleife erstmals die Sieben-Minuten-Grenze: Der 918 Spyder unterbot diese Marke um einige Sekunden. Auch die schnellste jemals gefahrene Zeit wurde in einem Porsche erzielt: Vor 30 Jahren erreichte Stefan Bellof im Gruppe-C Rennwagen Porsche 956 unglaubliche 6:11,13. Ein Rekord für die Ewigkeit.

  • Stefan Bellof kam deutlich zu früh zurück, Marc Lieb fehlte auf einem wichtigen Streckenabschnitt die optimale Höchstgeschwindigkeit. „Wir haben ihn ja erst zehn Sekunden später erwartet“, erinnert sich Klaus Bischof, 1984 Bellofs Renningenieur im Porsche-Werksteam. Marc Lieb kratzte auf der Geraden von der Döttinger Höhe zwar an der 300-km/h Marke, allerdings hatte ein etwas zu optimistischer Computer an dieser Stelle schlanke 314 km/h erwartet. Dennoch schafften es der 28. Mai 1983 und der 4. September 2013 in die Geschichtsbücher der Nürburgring-Nordschleife: 6:11,13 Minuten für Stefan Bellof im Porsche 956-Gruppe-C Rennwagen, erstmals deutlich unter sieben für den Porsche-Werkspiloten Marc Lieb in einem 918 Spyder.

  • Stefan Bellof, diese vorweggenommene perfekte Kombination aus Ayrton Senna und Sebastian Vettel, brannte mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 200 km/h die schnellste je gefahrene Runde in die „grüne Hölle“. Marc Lieb, einer der Großmeister des 24-Stunden-Rennens, fuhr in einem serienmäßigen Sportwagen erstmals unter sieben Minuten. Stefan Bellof setzte mit seinem Streckenrekord der Nordschleife und dem Gruppe-C Rennwagen 956/962 auch dank Ground Effect ein ewiges Denkmal, Marc Liebs Rekordrunde symbolisiert die Technik und Performance-Kompetenz der neuesten Supersportwagen-Generation mit Hybridantrieb. Mit dem Porsche 956 fuhr Bellof den bis heute erfolgreichsten Langstrecken- Prototyp der Welt, sein Rothmans-Werkswagen mit der Chassisnummer 007 leistete, je nach Ladedruck, zwischen 463 kW (630 PS) und 478 kW (650 PS) aus einem 2,7-Liter-Sechszylinder-Boxer-Turbomotor und wog nur 850 Kilogramm. Der Plug-in-Hybrid-Sportwagen 918 Spyder holt 652 kW (887 PS) Systemleistung aus einem 4,6-Liter-V8 sowie je einer Elektromaschine pro Achse und muss, den durchtrainierten Piloten ausgeklammert, rund doppelt so viel Gewicht bewegen. Über ein umgekehrtes Flügelprofil und ein Schachtsystem am Unterboden erzeugte der Porsche 956 hohen Abtrieb, den sogenannten Ground Effect, der Stefan Bellofs Kühnheit weiter beschleunigte. „Peter Falk, damals Porsche-Rennleiter, erlaubte am Bellof-956 einige Freiheiten bei der Fahrwerksabstimmung“, erinnert sich Bischof, der heute im Entwicklungszentrum Weissach den historischen Motorsport verantwortet. „Der Spalt unterhalb der Bugschnauze sollte so tief und gleichmäßig wie möglich sein. Durch diese schärfere Abstimmung wurde der 956 fast unfahrbar hart, war mit dem dadurch erreichten höheren Anpressdruck aber aerodynamisch im Vorteil.“ Inzwischen hat Porsche auch das Gegenteil perfektioniert. „Der 918 Spyder darf auf der Nordschleife nicht zu aggressiv abgestimmt sein“, verrät Marc Lieb, der seit 2011 daran als Testfahrer mitarbeitet. „Man muss damit viel runder fahren als in unseren 911 GT-Rennwagen. Nicht so hart einlenken, um Untersteuern zu vermeiden, und die Bremspunkte viel früher wählen.

  • Viele von den Ecken, die im Rennwagen voll gehen, sind im 918 Spyder richtige Kurven, die man anbremsen muss. Dank des Allradantriebs kann ich aber früher Gas geben.“ Marc Lieb kam unmittelbar vom Langstrecken Weltmeisterschaftslauf in Brasilien zum Nürburgring, fuhr am Dienstagabend „eine Installationsrunde in 7:07 Minuten auf alten Reifen und hatte ein gutes Gefühl, dass es schneller geht“. Der Mittwochmorgen roch nach Rekord. Sonnig und warm, an kritischen Streckenabschnitten wie Fuchsröhre und Bergwerk keine Feuchtigkeit. Erste Runde: 6:59. Zweite Runde: anderes Auto, neuer Satz Reifen. „Es hat gepasst, war einfach genial“, rekapituliert Marc Lieb seine weitere Verbesserung mit großem Respekt: „Die Geschwindigkeiten sind schon aberwitzig. Am Schwedenkreuz fahre ich im 911 RSR-Rennwagen 270 km/h und mit dem 918 Spyder deutlich schnellere 308. Wenn man bei Tempo 300 die Bodenwellen nicht genau trifft, kann es kribbelig werden.“

  • Als ewiges Denkmal steht der inzwischen 30 Jahre absolute Streckenrekord für schieren Speed, für den 956 und für Stefan Bellof, der 1985 beim Langstrecken Weltmeisterschaftslauf im belgischen Spa- Francorchamps nach einer Kollision mit Jacky Ickx tödlich verunglückte. Bellofs Traumrunde traf seine Boxenmannschaft unerwartet. „Stefan kam so viel früher, dass von uns keiner seine Fabelzeit mitbekommen hatte“, gibt Klaus Bischof Einblick in eine Welt ohne elektronische Datenübertragung, „also haben wir in der Boxengasse gefragt, ob ihn jemand gestoppt hatte.“ Und dann? Champagner? Halleluja? Eine Eilmeldung rund um die Welt? „In Momenten wie diesen“, erklärt Bischof den Seelenzustand des damaligen Werksteams, „sind Stefan und ich hinter die Box gegangen und haben uns wortlos tief in die Augen geschaut.“ Vor dem Streckenrekord des 918 Spyder errechnete der Computer etwas pessimistisch eine tiefe Siebener-Zeit, allerdings ohne Faktor Mensch. Dann 6:57, „die Reaktion des Teams war toll“, erkannte Marc Lieb bereits aus den Augenwinkeln beim Überfahren des finalen Messpunkts T13, „aber Champagner hat es nicht gegeben.“ Wie damals


    Text: Eckhard Eybl • Fotos: Stefan Bogner

    Der Artikel ist erschienen in der Christophorus Ausgabe 1/2014

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