Neunelf, das ist eine Idee, die sich auf scheinbar magische Weise verselbständigt hat. Man muss das erst mal verdauen: Der kleine, eigenwillige Sportwagen aus dem Koordinatensystem zwischen Gmünd und Zuffenhausen hat ganz einfach so seinen unkopierbaren Sonderweg aufgemacht. Wer heute ein sportliches Auto bauen möchte kann entweder der großen Mittelmotor-Hauptströmung folgen, alternativ auch einen starken V8 oder V12 unter eine lange Motorhaube setzen – einen Porsche 911 kopiert man aber ganz bestimmt nicht. Kein Mensch versteht, wie Porsche dieses Kuriosum je ans Laufen bekommen konnte. Und vor allem: WIE das läuft! Physikverbiegend, lehrbuchverneinend, atemberaubend gut... Sportwagen-Ingenieure die heute einen vergleichbaren Entwurf aus dem Hut ziehen würden, könnten ihr Entlassungsschreiben gerne auch selbst schreiben und es an die Konstruktionszeichnungen heften.

  • Dass sich der Porsche 911 im Wesentlichen auch noch um jeden Glamour eines schillernden Sportwagen-Universums gedrückt hat und immer irgendwie dieser starke, bodenständige Kumpel-Typ geblieben ist, macht ihn erst richtig zur Ikone. Neben den prägenden Charakterelementen – typische Buckel-Silhouette, Motor hinten, überschaubare Abmessungen, Pragmatismus statt effektgeladener Inszenierung – spielt im 911 das Element der Einfachheit eine wesentliche Rolle. Um hier ganz präzise zu werden: Ganz bestimmt ist beispielsweise ein aktueller 911 Turbo S mit dynamischen Motorlagern, Hinterachslenkung und variabler Turbinengeometrie der Turbolader kein auf die Essenz reduziertes Sportwagen-Extrakt – es geht vielmehr um eine Geisteshaltung. Nüchternheit. Effizienz. Klarheit.

    Und vielleicht um sich selbst immer wieder an diese Maxime zu erinnern, die schiere Rationalität ganz emotional zu feiern, baut Porsche die RS-Modelle. Rennsport. Angezogen vom Apex. Technik im aufs Wesentliche reduzierten Rhythmus eines Werkzeugs – erst die schweißtreibende Nutzung schafft spirituelles Verständnis weshalb ein RS-Porsche genau so sein muss wie er ist. Deshalb wollen alle 911 RS auch immer und immer wieder auf die Rennstrecke. In diesem Biotop ist artgerechte Haltung möglich, hier ist die Welt auf einmal nicht mehr zu klein. Aber dann kommt doch auf einmal der Moment, in dem man im 911 GT3 RS oder alten 911 RS an die Box rollt, hinter einem senkt sich die Schranke, im Fahrerlager wird es ruhig. In den Adern pulst aber die Leidenschaft, die Maschine räkelt sich, die Reifen haben genau jetzt den allerbesten Grip. Und dann kann es schon auch passieren, dass sich ein Porsche 911 GT3 RS plötzlich auf der Autobahn in Richtung Berge wiederfindet und im Rückspiegel die Scheinwerfer eines 911 RS von 1991. Die Nacht hindurch an die ersten Alpen-Ausläufer strömen, dann über Pässe stürmen und Gipfel erobern. Wie gesagt: Das ist beinahe schon eine Fehlanwendung, sozusagen mit dem Schraubenziehergriff Nägel einschlagen. Aber es geht. Und wie es geht!

  • Der sagenhaft hoch angesiedelte Grenzbereich eines GT3 RS rollt dann zwar immer nur als anmutige Ahnung mit, aber auch weit im Diesseits ist die crispe Transparenz des Rennstrecken-Werkzeugs eine Offenbarung. Mit dem 911 GT3 RS Verwachsene nehmen auch die leichte Sperrigkeit und sämtliche Komforteinbussen freudig lachend hin. Oder sie baden darin: Wer weiß, dass dieser harsche Charakter einzig dazu dient sich auf Rennstrecken in flüssiges Feuer zu verwandeln, der wird auch diesen honigzarten Widerstand auf öffentlichen Straßen, zumal engen Passtraßen, als Qualitätsprädikat schätzen. Aber dann wäre da ja noch die scheinbar unerschöpfliche Kreativität der Porsche-Leute, wenn es darum geht den 911 für jeden Einsatzzweck und jede Stimmungslage feinst nivelliert abzustimmen: Als Tier zwischen den Welten erwischt ein 911 R ganz präzise die haarfeine Lücke am Übergang von 911 zu 911 GT3. Mit seiner 911-Silhouette, der freundlichen 911-Anmutung und den großartigen Details die alle Sammler in sofortige Raserei versetzen, ist der 911 R für viele Fans die inoffizielle Krönung der Baureihe. An diesem Punkt hören die Porsche-Ingenieure aber nicht auf, sondern dann gibt es noch eine große Injektion GT3: Motor, Leistung, Charakter, Biss, Anderweltigkeit. Kein Wunder stellen sich die Liebhaber der auf 991 Exemplare limitierten Kleinserie in langen Schlangen an um einen R zu erwischen.

    Wenn die CURVES-Familie dann an einem glorreichen Tag, der so nie wieder kommen dürfte, im Konvoi von 911 GT3 RS und 911 R über die Berge fliegt, kneift man sich zwischendurch immer wieder ins Bein: Das ist kaum zu glauben. Perfektion.

    (c) Ben Winter • Fotos:Stefan Bogner