Mit einem Porsche über einen Alpenpass zu fahren, ist für viele Menschen ein grosser Traum. Doch wer wagt schon davon zu fantasieren, am Steuer des mythischen Porsche 918 Spyder mit 18 seiner Artgenossen in fünf Tagen die berühmtesten Pässe der Alpen in einem Schwung abzuhaken? 

  • Einst wurden Supersportwagen für möglichst gerade und trockene Straßen gebaut – sie bei durchgetretenem Fuß auf der Bahn zu halten, war auch schon so schwer genug. Auf architektonische oder metereologische Schikanen verzichtete man am Steuer eines Ferrari, Lamborghini oder Bizzarrini nur allzu gern. Erst der allradbetriebene, im Zuge der Homologation für die Rallye Paris-Dakar entwickelte Porsche 959 machte es ab Mitte der Achtzigerjahre auf einmal möglich, mit dem schnellsten Seriensportwagen der Welt auch in den Skiurlaub zu fahren. Was zunächst klang wie eine sehr hypothetische Idee aus dem Marketing-Labor fand in der Praxis aber durchaus Anwendung – Herbert von Karajan etwa scheuchte seinen Porsche 959 gerne auch im Winter über den Julier- oder Flüelapass zu seinem alpinen Domizil in St. Moritz. Drei Jahrzehnte später hat Porsche nun wieder einen Supersportler mit Allradantrieb auf der Straße, der sich weder vor dem Nürburgring, noch vor verschneiten Serpentinenstraßen zu verstecken braucht – den fabelhaften Porsche 918 Spyder.

  • Nur 918 Exemplare des Mittelmotor-Hybrid-Katapults wurden zwischen 2013 und 2015 gebaut – entsprechend ist der Spyder in freier Wildbahn so selten wie ein weißer Wolf. Und dennoch hat sich an diesem kühlen Herbstmorgen im Engadin ein ansehnliches Rudel von 19 der seltenen Sportler samt ihrer Besitzer zusammengefunden, um für einige Tage gemeinsam um die Gipfel der Alpen zu jagen. Am Ziel der Fahrt liegen Monaco, Nizza, die französische Riviera – dazwischen warten jedoch noch zwei Dutzend der berühmtesten und anspruchsvollsten Pass- und Bergstraßen, die man in Europa nur finden kann. Am Anfang der Tour stehen bündner Serpentinenklassiker wie der Flüela-, Albula und Malojapass, bevor es über den Splügen-, San-Bernardino-, Lukmanier- und Oberalppass hinauf nach Andermatt geht. Auch der zweite Tag beginnt mit Frühsport: Sustenpass, Furkapass, Grimselpass, St. Gotthardpass, Nufenenpass – nach diesem Training sind nicht nur die Achtzylinder aufgewärmt, sondern dank Rekuperation auch die Lithium-Ionen-Akkumulatoren der Elektromotoren wieder voll aufgeladen, um das Rudel in Blitzeseile hinüber in die französischen Alpen am Fuße des Mont Blanc zu boosten. Tag drei hält dann, als kleine Steigerung zum schweizerischen Aufwärmprogramm, einige anspruchsvolle Klassiker der Tour de France für die Spyder parat. Unzählige Liter Schweis sind am Col de L’Iseran und am Col du Galibier schon vergossen worden – die Porsche surren derweil so leichtfüßig, leise und ohne ersichtliche Anstrengung durch die Serpentinen, dass man fast ein wenig schlechtes Gewissen haben muss und sich selbst tapfer verspricht, die Tour eines Tages im Sattel eines Rennrades zu wiederholen. Welcher 918-Pilot am Ende des Tages das gelbe Trikot sicher hatte, bleibt derweil geheim – die Gendarmerie liest schließlich mit.

  • Am vierten Tag unserer außergewöhnlichen Pass-Patrouille geht es in den Reifenspuren der legendären Rallye Monte Carlo über den Col de Turini in Richtung Mittelmeer – kaum auszudenken, welche Strapazen die großen Rallye-Haudegen wie Vic Elford oder Björn Waldegård in ihren spartanischen Renn-Elfern hier doch gemeistert haben! Ohne die Leistungen der mutigen Piloten der Porsche-Renngeschichte wären schließlich weder ein 959, noch ein 918 möglich gewesen. Vorbei an Monaco, Nizza und Cannes, endet die Etappe schließlich in Tourrettes, wo am nächsten Tag zur Kür und zum Ausklang eine Ausfahrt über die Kurven und Kehren rund um den Grand Canyon du Verdon auf dem Programm steht. Am Schluss dieser Alpentour steht man dem Porsche 918 Spyder noch etwas ehrfürchtiger gegenüber, als man am ersten Tag sowieso schon in ihn eingestiegen ist. Es ist schon äußerst verblüffend, dass der bei Bedarf ganze 345 km/h schnelle Nordschleifen-Rekordbrecher ohne Probleme eine Strecke von mehr als 2.000 Kilometer über Berg und Tal und durch unzählige Kurven und Klimazonen übersteht – und dass man nach fünf Tagen hinter seinem Steuer nicht von der Bergrettung zur physiologischen Aufbereitung ins Sanatorium in Davos abtransportiert werden muss. Dieser Porsche kann eben alles – sogar Hochalpin!